„Du kannst sie nicht haben, denn Du würdest sie nicht verstehen.“

Mit diesen Worten beschreibt Tim Berners-Lee in einem Interview das intensive Verhältnis von CIOs mit Daten, die ihre Unternehmen speichern. Er spricht dabei von Kontrollfreaks, welche ihre Datenbank verteidigen, als wäre sie eine geliebte Frau.

Als ich das Interview las, erinnerte ich mich an einen vor ein paar Wochen getätigten Telefonanruf. Damals habe ich in meinem Wohnkanton beim Amt für Verbraucherschutz angefragt, ob ich die Lebensmittelkontrollergebnisse der einzelnen Betriebe des letzten Jahres einsehen dürfe. Um es gleich vorwegzunehmen: ich durfte nicht. Natürlich hat mein Gesprächspartner rechtens gehandelt, schliesslich wäre dies (noch) illegal gewesen. Ich erzählte ihm, dass ich die Daten im Zusammenhang mit Thema OpenData  verwenden möchte und musste ihn dabei zuerst über die Bedeutung des Begriffs aufklären. Zwar hatte er bereits vom Berliner Smiley-System gehört, doch konnte er sich keinen Reim darauf machen, worin der Vorteil von öffentlich frei verfügbaren und nutzbaren Daten sein sollte. Er argumentierte unter anderem mit dem Verweis, dass man die Jahresberichte der Lebensmittelkontrolle als pdf`s herunterladen bzw. per Post zustellen lassen kann. Ausserdem liess er mich wissen, dass er keinen Sinn einer strukturierten und maschinenlesbaren Veröffentlichungsform sehe, in welcher sich die Daten filtern, durchsuchen und von anderen Anwendungen weiterverarbeiten lassen können. Zudem äusserte er seine Bedenken bezüglich der dadurch möglichen Medienhetze gegenüber den schlecht bewerteten Betrieben. Diese könnten allenfalls von der Kundschaft gemieden werden, was zu einer nachhaltigen Rufschädigung und zum Konkurs führen könnte. So musste ich mich zwangsläufig wieder von der Idee verabschieden, eine entsprechende Visualisierung über meinen Wohnbezirk zu erstellen.

Natürlich sind Vorbehalte gegenüber der Veröffentlichung von Lebensmittelkontroll- ergebnissen zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, doch kennen wir solche bereits aus den Gründerjahren des Internets. Tim Berners-Lee erinnerte sich im eingangs erwähnten Interview an diese Zeit, als sich Firmen und Geschäfte mit eigenen Webseiten oft fragen lassen mussten, zu was das nützlich sein soll. Auch hätten viele Unternehmen Angst gehabt, z. B. durch die Veröffentlichung von Produktpreisen der Konkurrenz wertvolle Informationen zu überlassen. Doch habe sich schliesslich diese Offenheit als Wettbewerbsvorteil bei den Kunden herausgestellt, indem transparent handelnde Unternehmen bevorzugt wurden. Im Weiteren sagte Tim Berners-Lee zukunftsblickend voraus, dass im Hinblick auf OpenData der Wettbewerbsdruck Unternehmen und Regierungen zu mehr Transparenz zwingen werde. Dabei zeigt er durchaus Verständnis für die datenschutzrechtlichen Bedenken, sind doch die meisten der von Regierungsbehörden erhobenen Daten personenbezogen. In der Frage der Anonymisierung liege denn auch die Lösung der meisten Datenschutzprobleme.

Dass das Thema OpenData dem Interneterfinder Tim Berners-Lee am Herzen liegt, wurde in diesem Blog bereits früher aufgezeigt. Der umtriebige MIT-Professor, HTML-Erfinder und W3C-Vorsitzende wird zusammen mit Nigel Shadbolt, Professor für Künstliche Intelligenz an der Universität Southampton, das weltweit erste OpenData Institut (ODI) leiten, welches seine Tore im September dieses Jahres öffnen soll. Darin sollen sich OpenData-Interessierte im Umgang mit grossen Datenmengen üben und v. a. sollen Start-up-Unternehmer, die veröffentlichte Regierungsdaten nutzen, unterstützt und gefördert werden.

Ziele des OpenData Instituts

Zu hoffen ist, dass bei der Entwicklung zu OpenData dem Datenschutz einen genug grossen Stellenwert zugeschrieben wird. Schliesslich lässt sich Tim Berners-Lee folgendermassen zitieren: „… gespeicherte Daten sind wie Dynamit und beinhalten eine hohe Sprengkraft, wenn sie in die Hände von Kriminellen gelangen.“

Starke Communities als Grundlage zur Realisierung der „Open Government Data“-Strategien

Um die OpenData-Bewegung noch stärker ins Bewusstsein unserer Gesellschaft zu bringen, braucht es auch eine starke Community. Dadurch kann die Bewegung ihren Anliegen mehr Gewicht verleihen und sich Gehör verschaffen. Durch aktive Teilnahme am Thema können Anregungen und Verbesserungsmöglichkeiten geäussert werden, um das Ziel möglichst vieler öffentlicher und frei nutzbarer Daten voranzutreiben.
In der Schweiz macht sich dafür die OpenData-Community stark.
Bild Sie bietet neben einer offenen Mailingliste einen RSS Feed an. Zudem werden regelmässige Events (wie z. B. die Hackdays) organisiert, sodass der Kontakt und Kommunikationsfluss zwischen den OpenData-Interessierten optimiert werden kann. Im vergangenen Jahr ist es der Schweizer OpenData-Community erfolgreich gelungen, die Politik, Verwaltung und Medienlandschaft auf Open Government Data  aufmerksam zumachen.

Über die Wichtigkeit einer starken Community wurde auch am letztjährigen nationalen e-Gov-Symposium in Bern gesprochen. Zahlreiche  Referenten aus der Schweiz und Europa sprachen über ihre Erfahrungen in der elektronischen Verwaltung.
Dabei machte sich Peter Krantz, Vertreter der schwedischen E-Government-Delegation, dafür stark, die Community verstärkt in die Konzeption, Umsetzung von Strategien und Aktivitäten im Bereich von Open Government Data einzubinden.

Aber eine starke Community zu etablieren ist eine Herausforderung und verlangt viel Aufbauarbeit.

Eine internationale Community zu lancieren ist wahrscheinlich noch schwieriger. Umso spannender ist es, solche Bestrebungen zu verfolgen. Vom 24. – 25.04.2012 kamen Verantwortliche aus Österreich, Deutschland und der Schweiz zusammen, um sich am Verwaltungskongress „Effizienter Staat“  über die Möglichkeiten einer länderüber-greifende Zusammenarbeit in Sachen Open Government Data zu diskutieren.

Dabei wurden unter anderen folgende drei Ziele formuliert:

  1. „Die Förderung des Austausches und Dialoges zum Thema Open Government Data auf nationaler und übernationaler Ebene. Ziel ist der Aufbau und die Förderung einer Open-Government-Data-Community im D-A-CH-Verwaltungsraum.“
  2. „Die Vermarktung einer modernen Verwaltung inkl. Open Government Data als Standortfaktor.“
  3. „Die Förderung des Austausches zu Standards, Schnittstellen und Metadaten zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Communities dienen dazu, um sich für ein Thema stark zu machen und eine starke Basis zu schaffen. Im Bereich Open Government Data sind sie von zentraler Bedeutung, um zwischen privaten Aktivisten und der öffentlichen Verwaltung als Bindeglied zu wirken. Denn wie sagte doch Andreas Amsler unlängst: „Ohne die aktive Ein­bin­dung der Zivil­ge­sell­schaft, also auch der OGD-Community, sind ihre Ver­spre­chen ein­lö­sende Open-Government- und OGD-Strategien schlicht nicht denk– und umsetz­bar.“

Bildquelle – Durch die regelmässig veranstalteten Hackdays wird die Community gestärkt.

Transparenz im Informationszeitalter

Vorletzte Woche führten meine Mitbloggerin und ich in der Lehrveranstaltung „Informationsgesellschaft, -Ethik, -Politik“ der HTW Chur eine Präsentation zum Thema OpenData vs. Datenschutz durch. Zum Einstieg stellten wir unseren Mitstudenten eine mit Google Docs erstellte Visualisierung über die Anzahl Arbeitslosen, Anzahl Betreibungen und der Bevölkerungszahl ihrer Wohnorte vor. Dadurch konnten wird den mehrheitlich synchronen Verlauf zwischen den Arbeitslosen- und Betreibungsdaten aufzeigen und somit ein Beispiel aufführen, was mit Open E-Government auf einfache Weise erstellt werden könnte. Da uns die Daten nicht online, in elektronischer und maschinenlesbarer Form vorlagen, mussten wir verschiedene behördliche Ämter anfragen, ob sie uns die Daten zukommen lassen könnten. Wären uns entsprechende Open E-Government-Plattformen zur Verfügung gestanden, hätten wir einen ungleich kleineren Aufwand betreiben müssen. Diese Nicht-Offenlegung der Regierungs- und Verwaltungsdaten erstaunt insofern, als dass sich das Internet sehr gut eignet, um Informationen einfach und transparent zugänglich zu machen. Dies ermöglicht nicht zuletzt Kosteneinsparungen für die Behörden, da weniger individuelle Bürgeranfragen beantwortet werden müssen.

Wie im zuletzt geschriebenen Blogbeitrag „Die Macht von Visualisierungen“ bereits dargestellt, reicht es nicht aus, Datenbanken ins Netz zu stellen. Ein wichtiger Faktor für den Erfolg von Datenpublikationen ist neben einer attraktiven Aufbereitungsmöglichkeit auch die Verständlichkeit der Daten und der Zugang zu anderen Datenquellen, um diese miteinander in Beziehung zu setzen. Dies kann beispielsweise mit Hilfe von technischen Schnittstellen erreicht werden. In diesem Zusammenhang bin ich in einem auf NYCFacets aufgeschalteten Webfilm [ab 1:36 Min.] auf folgendes Zitat gestossen:

„Because it`s so much more than just having access to the data. It`s also about understanding each data set and how do they pleach other and to other data sources outside the catalogue.”

Image

NYCFacets ist eine „Smart Open Data Exchange“-Plattform für alle öffentlichkeits- relevanten Daten von New York City. Dadurch will sich der Big Apple als Digital City of the Future etablieren.

In einem ersten Schritt wurden möglichst viele Datensätze New Yorks im NYC OpenData-Portal aufbereitet. Als nächstes sollen nun weitere NYC-relevante Datensätze katalogisiert und zueinander in Beziehung gesetzt werden, sodass dereinst allen Interessierten ein umfassender Metakatolog mit den spannendsten Daten über New York zur Verfügung stehen wird. Dieser wird es dem Benutzer ermöglichen, Datenquellen einfach zu finden, zu verknüpfen und in Anwendungen einzubinden.

Die primären Zielgruppen dieses Portals sind „Entwickler, die versuchen, den NYC OpenData Katalog zu verwenden“ und „NYC OpenData Veröffentlicher“, z. B. die Stadtverwaltung. Die sekundären Zielgruppen sind „NYC OpenData Recherchierer“, z. B. Journalisten und die allgemeine Öffentlichkeit.

Im letzten Jahr wurde auf diesem Portal auch der sogenannte BigApps3.0 Contest lanciert, bei welchem Entwickler dazu aufgerufen wurden, auf Basis der NYC OpenData möglichst kreative und originelle Apps zu erstellen. Dem Wettbewerb lag also ein Open Development-Ansatz zugrunde, durch welchen die Stadtverwaltung transparenter gemacht werden sollte. Die Gewinner erhielten Preise in der Höhe von insgesamt 50`000 $. Gewonnen hat unter anderem die NYTripBuilder.com-Website. Dort kann man sich einen persönlichen Reiseplan erstellen, um in einem bestimmten Zeitfenster die interessantesten Orte New Yorks zu erkunden.

Ich glaube, dass die OpenData-Bewegung durch solche innovative Ideen und Portale noch stärker ins Bewusstsein unserer Gesellschaft dringen kann, sodass ihr dadurch der erwünschte Erfolg zuteil wird.

Bildquelle – PrintScreen des auf NYCFacets aufgeschalteten Webfilms.

Die Macht von Visualisierungen

Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftrage möchte aus Gründen des Personenschutzes den gläsernen Menschen verhindern.  Im Gegensatz zu mancher Meinung, verfolgt auch die Open Data Bewegung nicht dieses Ziel. Vielmehr will sie diejenigen Daten frei nutzbar machen, welche im Interesse der Gesellschaft stehen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Art und Weise der Aufbereitung, d. h. der Visualisierung. „Nackte Daten“ sind wenig interessant. Sobald man sie jedoch zueinander in Beziehung setzt und visualisiert, können sie an Aussagekraft gewinnen und sprechen mehr Leute an.

Im Internet gibt es heutzutage eine grosse Anzahl an brauchbaren Visualisierungstools. Zu nennen sind dabei bspw. Google fusion tables, Google spreadsheet charts, Open Heat Map, Tableau Public, Datamarket, Many Eyes, Color Brewer, batchgeo oder Chartsbin. Im Allgemeinen sind mir dabei folgende Punkte aufgefallen:

  1. Die Visualisierungssoftwares werden fast ausschliesslich in englischer Sprache angeboten.
  2. Für die angelsächsischen Länder können detailgetreuere und aussagekräftigere Kartenvisualisierungen erstellt werden als vom Rest der Welt.
  3. Es bedarf einiger Zeit, um sich mit den Programmen zurechtzufinden und diese gewinnbringend nutzen zu können.

Durch Visualisierungen können aus Daten Zusammenhänge geschaffen oder Erkenntnisse gewonnen werden, welche aus einem nicht aufbereiteten Datenpool nie herausgelesen werden könnten – dafür haben wir zu wenig Abstraktionsfähigkeit.

Bild

              Hans Rosling, bekannter Datenvisualist, bei einer seiner Präsentationen.

Visualisierungen eröffnen aber oftmals auch grossen Interpretationsspielraum. Bei Datenzusammenführungen muss man sich deshalb fragen, ob dadurch nicht falsche oder irreführende Zusammenhänge erstellt werden. Um der Gefahr des unreflektierten Glaubens entgegenzuwirken, ist es daher unabdingbar, Visualisierungen kritisch zu hinterfragen. Schliesslich können Visualisierungen auch ganz einfach nichtssagend sein. Im Datenjournalismus werden täglich unzählige davon erstellt, wobei gemäss Aron Pilhofer, Editor of Interactive News der «New York Times», meint, dass diese nicht immer klug eingesetzt würden: „Es gibt heute eine Menge schlechter Visualisierungen – ich nenne das Datenpornografie“.

Um einige Visualisierungen im Zusammenhang mit Open Data anzuschauen, verweise ich an dieser Stelle an den Verein Opendata.ch. Dieser organisierte vor 3 Wochen die 2. Schwei­zer Make.opendata.ch-Hackdays in Zürich und Genf. Dabei erstellten die teilnehmenden Personen mittels gut­ar­ti­gen “Hacks” Anwendungen und Visua­li­sie­run­gen mit Daten des öffent­li­chen Ver­kehrs. Es wurden einige spannende Projekte realisiert, welche sich in einer Auflistung von weiteren spannenden Visualisierungen einreihen.

Die Aufgaben des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB)

Im deutschen Saarland wurden am letzten Wochenende Abgeordnete für den Landtag gewählt. Am Montag wurden die Wahlresultate veröffentlicht und die Piratenpartei hat wider Erwarten grossen Zuspruch erfahren und gilt somit als eigentlicher Sieger dieser Wahl. Klar kann man nun sagen, so wie das einige in den Wahlanalysen auch gemacht haben, dass die Piraten von Protestwählern und Wutbürgern gewählt werden. Dass diese Erklärung unzureichend ist, zeigt folgendes Zitat von Hermann Gröhe im Deutschlandfunk: „Wenn gerade männliche Erstwähler in solchen Scharen zu einer solchen Partei rennen, die eine Kombination ist von speziellen Themen der Netzpolitik, von einem Ruf in Sachen Transparenz und Bürgerbeteiligung, auch von einem Protest, dann muss das allen Parteien zu denken geben.“ Die Themen Open Data und Datenschutz sind also definitiv von politischem Interesse und werden es aller Wahrscheinlichkeit noch vermehrt werden – als Trendsetter-Thema auch in anderen politischen Lagern.

Auf der Webseite der Piraten oder bei Vertretern derselben fällt auf, dass sie sich immer wieder auf den Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB), momentan ausgeübt von Hanspeter Thür, berufen. Ob es nun um die mangelhafte Anonymisierung der abgebildeten Personen bei Google Street View oder um Millionen geklauter Datensätze bei Sony geht: Der EDÖB wird immer wieder direkt oder indirekt in die Diskussion miteinbezogen. Doch was ist die eigentliche Aufgabe des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten?

Bis ins Jahr 2006 war der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte (EDSB) nur für den Datenschutz zuständig, danach zusätzlich im Rahmen des Öffentlichkeitsgesetzes als Öffentlichkeitsberater (EDÖB). In der Funktion als Eidgenössischer Datenschutzbeauftragter nimmt er unter anderem Stellung zu Rechtsvorlagen des Bundes und zeichnet sich verantwortlich für die Information der Öffentlichkeit und die Beratung von privaten Personen. Zur Erfüllung dieser Aufgaben kann er Sachverhalte abklären lassen und entsprechende Empfehlungen aussprechen. Im Speziellen beschäftigt er sich mit dem Datenschutzgesetz, bietet Hilfe bei der Registrierung von Datensammlungen und berät über Aspekte der Datensicherung. In seiner zweiten Funktion als Öffentlichkeitsberater informiert und berät er unter anderem Private, welche Zugang zu amtlichen Dokumenten verlangen.

Auf Grund dieser grossen Themenbandbreite kann man die Wichtigkeit der Arbeit des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) erahnen. Im Speziellen in unserer datenlastigen Zeit, wo es darum geht, sensible Daten zu schützen und anderweitige Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Und dafür dürfte meiner Meinung nach mehr Geld zur Verfügung gestellt werden, sodass es beim EDÖB keinen ständigen Personalmangel gibt. Hanspeter Thür referierte übrigens diese Woche an der Alten Kantonsschule Aarau, dem Arbeitsplatz des an dieser Stelle schreibenden Bloggers, über die Notwendigkeit und Zeitmässigkeit von Datenschutz.

Piratenzeitalter

Dem Internet haftet ein freiheitlicher Geist an. Man darf vieles, wenngleich nicht alles. Während im Radio und Fernsehen gewisse Formen politischer Werbung verboten sind, darf diese im Internet ohne weiteres gezeigt werden. So wurde anfangs letzten Jahres seitens des BAKOM die Ausstrahlung eines Werbespots der Umweltschutzorganisation Greenpeace untersagt – dafür wurde dieser ins Internet gestellt werden. Die Freiheit der Internetdienste ist jedoch keine Selbstverständlichkeit und muss aktiv sichergestellt werden. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Freiheit und Würde des Menschen, welche durch den Datenschutz gewährleistet werden muss. Dieses Grundrecht auf Privatsphäre und der Schutz persönlicher Daten sind im Artikel 13 der Schweizerischen Bundesverfassung verankert.

In diesem Zusammenhang bin ich auf eine persönliche politische Entdeckung gestossen, den sogenannten Piratenparteien.

Die Dachorganisation der Piratenparteien ist die Pirate Parties International (PPI). Die Piratenparteien setzen sich für mehr Demokratie und Mitbestimmung, die Reform des Urheber- und Patentrechts, freien Wissensaustausch (Open Access), mehr Transparenz und Informationsfreiheit und die Bekämpfung von Medienverboten und Zensur ein. Die erste Piratenpartei wurde am 1. Januar 2006 (Gründung der ersten Piratenpartei in Schweden) gegründet und seitdem folgen weitere in vielen Ländern weltweit.
Auch das Thema Datenschutz nimmt bei den Parteiprogrammen der Piraten einen gewichtigen Teil ein. So sollen alle Organisationseinheiten, Systeme und Methoden, die der Staat zur Beobachtung und Überwachung seiner Bürger einsetzen kann, durch gewählte Amtsträger bewertet und geprüft werden. Es soll keine verdachtsunabhängige Beobachtung und Datenerhebung vorgenommen werden dürfen und das in der Bundesverfassung festgehaltene Recht auf Anonymität und die Kontrolle des Inhalts und der Nutzung persönlicher Daten soll gestärkt werden. Im Weiteren soll die Überwachung und Datenerhebung immer begrenzt und kontrolliert sein und dem Bürger soll es ermöglicht werden, den Inhalt und die Nutzung seiner persönlichen Daten kontrollieren zu können.
Ich finde die Forderungen der Piratenparteien spannend, wahrscheinlich nicht zuletzt auf Grund der informationswissenschaftlichen Ausbildung, in welcher ich mich momentan befinde. Es gibt viele Herausforderungen im Zuge der digitalen Revolution, welchen bis jetzt keine andere Schweizer Partei auch nur ansatzweise einen ähnlich hohen Stellenwert zugeschrieben hat wie die Piratenpartei. Diese Tatsache und das niedrige Alter der Partei lassen meiner Meinung nach auch entschuldigen, dass die Piratenpartei in ihren Statuten zu vielen weiteren Gesellschaftsthemen noch keine klare Position bezogen hat und deshalb oft als „Einthemenpartei“ bezeichnet wird.
Andreas von Gunten wird übrigens im kommenden April, im Rahmen der diesem Blog zugrundeliegenden Lehrveranstaltung, ein Gastreferat halten. Auf seiner Internetseite outet er sich als Anhänger der Piratenpartei.

The cat is in the sack

Nun ist es also soweit. Google`s neue Datenschutzerklärung ist heute in Kraft getreten. In welcher Hinsicht betrifft uns das?

Die Suchmaschine von Google hat in Europa einen Marktanteil von über 90 Prozent. Darüber hinaus bietet der Internet-Gigant rund 70 zusätzliche Dienste an, welche allesamt über die Startmaske der Suchmaschine aufgerufen werden können. Der Zugriff auf die Dienste ist verlockend einfach und benötigt nur teilweise eine personalisierte Anmeldung. Eine einmalige Anmeldung verbunden mit der Preisgabe einiger persönlicher Daten und anschliessender Nutzung des Dienstes genügt denn auch bereits und Google kann sich ein erstes Bild von uns machen. Bis anhin wurde seitens Google jedoch immer beteuert, die Informationen der verschiedenen Dienste nicht zusammenzuführen. Dies hat sich nun geändert – schwarz auf weiss festgehalten in den neuesten Datenschutzbestimmungen.

Darin heisst es unter anderem: „Unter Umständen verknüpfen wir personenbezogene Daten aus einem Dienst mit Informationen und personenbezogenen Daten aus anderen Google-Diensten.“ Dadurch kann Google die personalisierte Suche und Werbeplatzierung optimieren und neue Dienste anbieten. Das birgt natürlich auch enormes Marktpotenzial und es ist kaum auszudenken, was mit all den Informationen einst gemacht werden könnte. Um dieser Sammelwut Gegensteuer zu geben, wird unter anderem ein sogenannter „Do-Not-Track“-Knopf diskutiert. Dieser soll es den Internetdienstleistern verunmöglichen bzw. verbieten, das Surfverhalten der Nutzer zu verfolgen und somit einen Beitrag zur Privatsphäre der Nutzer leisten. Das World Wide Web Consortium (W3C) hat bereits erste Entwürfe für einen sogenannten „Do-Not-Track“-Standard vorgestellt.

Wollen wir Googles Firmen-Mantra “Don`t be evil“ Glauben schenken, haben wir nichts zu befürchten. Und trotzdem, irgendwie wird man das Gefühl nicht los, der Suchmaschinen-Riese mache sich auf geschickte Art und Weise an Informationen von und über uns ran. Giovanni Trappatoni würde jetzt vielleicht aus Google`s Perspektive etwas Ähnliches sagen wie: „The cat is in the sack, but the sack is not closed.“

Während wir schon lange vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen, gelingt dies Google umso mehr. Dies erinnert mich an ein Berufswahlbuch, welches ich bestimmt an die 10 Mal beim Studienberatungszentrum ausgeliehen habe. Auf dem Buchcover war eben dieses „Waldbild“, als Versinnbildlichung der Schwierigkeit, aus den zahlreichen Berufsmöglichkeiten eines Maturanden den richtigen Beruf herauszufinden. Vielleicht werden unsere Kinder irgendwann keine Studienberater wie wir sie heute kennen mehr brauchen, da Google uns diese ersetzt. Ebenfalls kostenlos. Mit sogleich dargestellten Ausbildungsstätten. Alles viel bequemer und von zu Hause aus. Und die Bewerbungsgespräche werden sich auch erübrigen, da den Personalrekrutierern unsere Stärken und Schwächen dank Google bereits bekannt sind.

Kein Wasseranschluss für Schwarze in Ohio/USA

Firmen und Staaten sammeln immer mehr Daten ihrer Kunden bzw. ihrer Bürger. Was sich für die einen als lukratives Geschäft offenbart, verängstigt andere wegen der Preisgabe persönlicher Interessen und Verbindungen.

So sammeln aktuelle Social-Media Plattformen wie Facebook, Twitter, LinkedIn, Google + – mit insgesamt über 1`250`000`000 Mitgliedern – persönliche Daten, welche bspw. für Werbung und Meinungsforschung verwendet werden können.

Staaten tun es den Firmen gleich, indem sie ebenfalls Daten über ihre Bürger sammeln. Während in der Schweiz bereits in den späten 1980er Jahren bekannt wurde, dass Bundes- und kantonale Polizeibehörden über mehr als 700`000 Personen und Organisationen Fichen angelegt haben, stellt sich auch heutzutage die Frage, was mit den aktuellen Daten gemacht wird bzw. werden kann. Der mit diesem Thema sensibilisierte Bürger muss sich in diesem Zusammenhang die Frage stellen, wie er die preisgegebenen Daten zurückholen kann, um sie für die Gesellschaft nutzbar zu machen. Eine Möglichkeit liegt in der Idee der Open Data.  Diese Bewegung will Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar machen und somit ein Fundament legen, um demokratische Kontrolle zuzulassen, die Bürger verstärkt an polititschen Entscheiden partizipieren zu lassen und (die von den Behörden sowieso erhobenen) Daten zur freien Nachnutzung zur Verfügung zu stellen. Laut Wikipedia zielt die Open Data-Bewegung darauf ab, durch die Abwesenheit von Copyright, Patenten oder anderen proprietären Rechten vorteilhafte Entwicklungen auszulösen. Open Data können amtliche Daten (z. B. Verteilung von Agrarsubventionen), Daten staatlicher Stellen (z. B. Vermessungsämter), Daten aus öffentlich geförderter Forschung, Daten aus Graswurzel-Initiativen (z. B. Oben Street Map), Open Linked Data u.s.w. sein.

Es stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten dieser neuen Transparenzmachung, der informationellen Selbstbestimmung und wo die Grenze zum Datenschutz verläuft.

Tim Berners-Lee zeigte bereits vor zwei Jahren, was sich alles mit Open Data herausfinden lässt. Beispielsweise den Zusammenhang zwischen einem Wasseranschluss im Haushalt und der Hautfarbe der Hausbewohner.

Wir wollen in diesem Blog in den nächsten Wochen auf die Möglichkeiten der Open Data-Bewegung eingehen und gleichzeitig das eng verbundene Thema des Datenschutzes miteinbeziehen.