„Du kannst sie nicht haben, denn Du würdest sie nicht verstehen.“

Mit diesen Worten beschreibt Tim Berners-Lee in einem Interview das intensive Verhältnis von CIOs mit Daten, die ihre Unternehmen speichern. Er spricht dabei von Kontrollfreaks, welche ihre Datenbank verteidigen, als wäre sie eine geliebte Frau.

Als ich das Interview las, erinnerte ich mich an einen vor ein paar Wochen getätigten Telefonanruf. Damals habe ich in meinem Wohnkanton beim Amt für Verbraucherschutz angefragt, ob ich die Lebensmittelkontrollergebnisse der einzelnen Betriebe des letzten Jahres einsehen dürfe. Um es gleich vorwegzunehmen: ich durfte nicht. Natürlich hat mein Gesprächspartner rechtens gehandelt, schliesslich wäre dies (noch) illegal gewesen. Ich erzählte ihm, dass ich die Daten im Zusammenhang mit Thema OpenData  verwenden möchte und musste ihn dabei zuerst über die Bedeutung des Begriffs aufklären. Zwar hatte er bereits vom Berliner Smiley-System gehört, doch konnte er sich keinen Reim darauf machen, worin der Vorteil von öffentlich frei verfügbaren und nutzbaren Daten sein sollte. Er argumentierte unter anderem mit dem Verweis, dass man die Jahresberichte der Lebensmittelkontrolle als pdf`s herunterladen bzw. per Post zustellen lassen kann. Ausserdem liess er mich wissen, dass er keinen Sinn einer strukturierten und maschinenlesbaren Veröffentlichungsform sehe, in welcher sich die Daten filtern, durchsuchen und von anderen Anwendungen weiterverarbeiten lassen können. Zudem äusserte er seine Bedenken bezüglich der dadurch möglichen Medienhetze gegenüber den schlecht bewerteten Betrieben. Diese könnten allenfalls von der Kundschaft gemieden werden, was zu einer nachhaltigen Rufschädigung und zum Konkurs führen könnte. So musste ich mich zwangsläufig wieder von der Idee verabschieden, eine entsprechende Visualisierung über meinen Wohnbezirk zu erstellen.

Natürlich sind Vorbehalte gegenüber der Veröffentlichung von Lebensmittelkontroll- ergebnissen zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, doch kennen wir solche bereits aus den Gründerjahren des Internets. Tim Berners-Lee erinnerte sich im eingangs erwähnten Interview an diese Zeit, als sich Firmen und Geschäfte mit eigenen Webseiten oft fragen lassen mussten, zu was das nützlich sein soll. Auch hätten viele Unternehmen Angst gehabt, z. B. durch die Veröffentlichung von Produktpreisen der Konkurrenz wertvolle Informationen zu überlassen. Doch habe sich schliesslich diese Offenheit als Wettbewerbsvorteil bei den Kunden herausgestellt, indem transparent handelnde Unternehmen bevorzugt wurden. Im Weiteren sagte Tim Berners-Lee zukunftsblickend voraus, dass im Hinblick auf OpenData der Wettbewerbsdruck Unternehmen und Regierungen zu mehr Transparenz zwingen werde. Dabei zeigt er durchaus Verständnis für die datenschutzrechtlichen Bedenken, sind doch die meisten der von Regierungsbehörden erhobenen Daten personenbezogen. In der Frage der Anonymisierung liege denn auch die Lösung der meisten Datenschutzprobleme.

Dass das Thema OpenData dem Interneterfinder Tim Berners-Lee am Herzen liegt, wurde in diesem Blog bereits früher aufgezeigt. Der umtriebige MIT-Professor, HTML-Erfinder und W3C-Vorsitzende wird zusammen mit Nigel Shadbolt, Professor für Künstliche Intelligenz an der Universität Southampton, das weltweit erste OpenData Institut (ODI) leiten, welches seine Tore im September dieses Jahres öffnen soll. Darin sollen sich OpenData-Interessierte im Umgang mit grossen Datenmengen üben und v. a. sollen Start-up-Unternehmer, die veröffentlichte Regierungsdaten nutzen, unterstützt und gefördert werden.

Ziele des OpenData Instituts

Zu hoffen ist, dass bei der Entwicklung zu OpenData dem Datenschutz einen genug grossen Stellenwert zugeschrieben wird. Schliesslich lässt sich Tim Berners-Lee folgendermassen zitieren: „… gespeicherte Daten sind wie Dynamit und beinhalten eine hohe Sprengkraft, wenn sie in die Hände von Kriminellen gelangen.“

Kein Wasseranschluss für Schwarze in Ohio/USA

Firmen und Staaten sammeln immer mehr Daten ihrer Kunden bzw. ihrer Bürger. Was sich für die einen als lukratives Geschäft offenbart, verängstigt andere wegen der Preisgabe persönlicher Interessen und Verbindungen.

So sammeln aktuelle Social-Media Plattformen wie Facebook, Twitter, LinkedIn, Google + – mit insgesamt über 1`250`000`000 Mitgliedern – persönliche Daten, welche bspw. für Werbung und Meinungsforschung verwendet werden können.

Staaten tun es den Firmen gleich, indem sie ebenfalls Daten über ihre Bürger sammeln. Während in der Schweiz bereits in den späten 1980er Jahren bekannt wurde, dass Bundes- und kantonale Polizeibehörden über mehr als 700`000 Personen und Organisationen Fichen angelegt haben, stellt sich auch heutzutage die Frage, was mit den aktuellen Daten gemacht wird bzw. werden kann. Der mit diesem Thema sensibilisierte Bürger muss sich in diesem Zusammenhang die Frage stellen, wie er die preisgegebenen Daten zurückholen kann, um sie für die Gesellschaft nutzbar zu machen. Eine Möglichkeit liegt in der Idee der Open Data.  Diese Bewegung will Daten öffentlich frei verfügbar und nutzbar machen und somit ein Fundament legen, um demokratische Kontrolle zuzulassen, die Bürger verstärkt an polititschen Entscheiden partizipieren zu lassen und (die von den Behörden sowieso erhobenen) Daten zur freien Nachnutzung zur Verfügung zu stellen. Laut Wikipedia zielt die Open Data-Bewegung darauf ab, durch die Abwesenheit von Copyright, Patenten oder anderen proprietären Rechten vorteilhafte Entwicklungen auszulösen. Open Data können amtliche Daten (z. B. Verteilung von Agrarsubventionen), Daten staatlicher Stellen (z. B. Vermessungsämter), Daten aus öffentlich geförderter Forschung, Daten aus Graswurzel-Initiativen (z. B. Oben Street Map), Open Linked Data u.s.w. sein.

Es stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten dieser neuen Transparenzmachung, der informationellen Selbstbestimmung und wo die Grenze zum Datenschutz verläuft.

Tim Berners-Lee zeigte bereits vor zwei Jahren, was sich alles mit Open Data herausfinden lässt. Beispielsweise den Zusammenhang zwischen einem Wasseranschluss im Haushalt und der Hautfarbe der Hausbewohner.

Wir wollen in diesem Blog in den nächsten Wochen auf die Möglichkeiten der Open Data-Bewegung eingehen und gleichzeitig das eng verbundene Thema des Datenschutzes miteinbeziehen.